Geführter Rundgang über den Telegrafenberg

Besichtigungen vom Albert-Einstein-Turm bis zum Großen Refraktor

An einem strahlenden Sonnabendnachmittag im September wurde einem mal wieder klar, wie lange die Schulzeit nun schon her ist. Herr Ludwig Grunwaldt vom Helmoltz Zentrum für Geoforschung Potsdam war derjenige, der uns zu dieser ernüchternden Erkenntnis verhalf. Aber dazu später.

Organisiert von unserem Mitvorstand Ludwig Stroink, hatten wir das große Glück, eine besondere Führung über den Telegrafenberg in Potsdam zu erleben. Herr Grunwaldt, der dort 40 Jahre als Wissenschaftler tätig war, gab uns spannende Einblicke in die Geschichte und die wissenschaftliche Arbeit an diesem traditionsreichen Ort.

Ein wunderschönes, weitläufiges, teilweise waldiges Gelände beherbergt heute unter dem Namen „Wissenschaftspark Albert Einstein“ verschiedenste Institute, wie dem GFZ Helmoltz Zentrum für Geoforschung, dem Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und dem Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam.

Die Bauten reichen von der wilhelminischen Zeit über den Expressionismus bis zur Neuzeit, wobei architektonisch Erich Mendelsohns Einsteinturm aus den frühen zwanziger Jahren natürlich im Mittelpunkt steht. Im Anblick dieses architektonischen Juwels – einem Sonnenobservatorium mit welchem Einstein die sog. Rotverschiebung der Spektrallinien im Schwerefeld der Sonne nachwies – legte Herr Grunwaldt uns in aller Ruhe und charmanter Geduld nochmals die einzelnen Komponenten Einsteins Relativitätstheorie dar. An dieser Stelle begann ich, die Jahre zu zählen, die seit meinem Schulabschluss vergangen waren.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, Naturwissenschaften waren schon damals nicht so mein Ding. Im Inneren des Turms fand ich dann in den schönen Formen des Mobiliars meinen Trost.

Dank Herrn Grunwaldts Ausführungen, wurde einem klar, welch vielfältige Forschungen mit teils bahnbrechenden Erkenntnissen auf dem Telegrafenberg durchgeführt wurden. Und das auch schon lange vor Einstein. So ist z.B. der große Refraktor, ein imposanter wilhelminischer Bau aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, eines der größten Linsenteleskope der Welt. Beeindruckend ist, wie das Bauwerk mit der weit sichtbaren Kuppel und Instrumentarium nach dem Verfall, bedingt durch die historischen Wirren, liebevoll wieder instandgesetzt wurde und voll funktionstüchtig ist. Ein Besuch der im Winterhalbjahr stattfinden Sternen-Beobachtungsabende lohnt sich sehr: https://www.aip.de/documents/425/beobachtungsabende-2026-a5-flyer-sm/

Voller Staunen und Respekt hörten wir von weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen, die auf dem Gelände gewonnen wurden: die Tatsache, dass die Atmosphäre geschichtet ist, wurde 1901 mittels eines bemannten Höhenballons entdeckt. Arthur Berson flog 10.800 Meter hoch, um – halberfroren – den Nachweis zu erbringen, dass es einen Unterschied zwischen Troposphäre und Stratosphäre gibt. Und zwar durch den Wärmeunterschied.

Die weltweit erste Fernaufzeichnung eines Erdbebens wurde auf dem Telegrafenberg verzeichnet. 1889 bebte in Japan die Erde und in Potsdam konnte man zuschauen. Eine der längsten Wettermessreihen der Welt finden auf dem Telegrafenberg statt. Seit 1893 werden stündlich Wettermessungen durchgeführt.
Herr Grunwaldt war voller Geschichten und hätten uns sicher noch Stunden interessant unterhalten können.

Die Rundtour nahm ihr Ende, wo historisch alle begann und was namensgebend für den Ort wurde: Dem Telegrafen. Eine Rekonstruktion des 1832 errichteten Flügeltelegrafen, welcher Teil deroptischen Telegrafenverbindung zwischen Berlin und Koblenz war. Mittels verschiedener Flügelstellungen konnten codierte Nachrichten für damalige Verhältnisse sehr schnell verschickt werden. Eine geniale Idee.

Die Führung, zu welcher wir auch die Mitglieder des Freundeskreises Kapelle und Alter Friedhof Klein-Glienicke e. V. eingeladen hatten, war der erste Rundgang der Reihe „Blick über unseren schönen Tellerrand“ bei welchen wir auch außerhalb unseres schönen Dorfes interessante Orte erkunden wollen.

Daniel Kogge